Lotse im Gesundheitssystem

Dr. Christine Rose über die Bedeutung des Hausarztes


Je komplexer und unübersichtlicher das Gesundheitssystem wird, nicht zuletzt wegen fortschreitender Erkenntnisse in den Fachgebieten, desto wichtiger ist eine hoch qualifizierte Allgemeinmedizin, die den Patienten als Lotse durch das System führt. Oft ist es sogar für Fachleute sehr schwierig, einzelne Krankheitsbilder dem jeweiligen Spezialgebiet zuzuordnen. Gerade wenn mehrere Spezialisten von einem Patienten aufgesucht werden, wird ein Generalist gebraucht, bei dem die Fäden zusammenlaufen und der ein Gesamtbehandlungskonzept koordiniert. Der hausärztlichen Tätigkeit kommt somit eine zentrale Funktion innerhalb des Gesundheitssystems zu. Durch Vernetzung mit den Spezialisten und Sammlung von Informationen hilft sie, die für den Patienten angemessene Weiterbehandlung zu sichern und überflüssige und möglicherweise gefährliche Untersuchungen und Behandlungen zu vermeiden.

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In den letzten Jahren ist die Bedeutung der Allgemeinmedizin erfreulicherweise wieder gestiegen und auch gesundheitspolitisch gibt es zunehmende Bemühungen, die Position des Hausarztes innerhalb des Gesundheitssystems zu stärken. Aus dem internationalen Vergleich wissen wir auch, dass Länder mit einem gut funktionierenden Primärarztsystem eine bessere Patientenversorgung bieten und dabei ökonomisch effizienter arbeiten.

Das Kernstück jeder hausärztlichen Tätigkeit ist die gemeinsame Arbeit mit dem Patienten. Patient und Hausarzt können aus den zur Verfügung stehenden präventiven, diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen das jeweils auf den einzelnen Menschen abgestimmte optimale Behandlungskonzept erstellen. Hier steht der Patient mit seiner Lebenssituation, seinen bisher gemachten Erfahrungen, Wertvorstellungen, Gefühlen und Prioritäten im Mittelpunkt. Der gemeinsame Weg wird im Gespräch ausgehandelt und im weiteren Verlauf immer wieder gemeinsam überprüft. Die Allgemeinmedizin kann darum nicht am grünen Tisch gemacht werden, sondern entsteht nur in der Begegnung zwischen dem Hausarzt und seinem Patienten. Deshalb kommt der Hausarzt auch, wenn nötig, wirklich nach Hause. Das beratende Gespräch ist deshalb wichtigster Bestandteil der hausärztlichen Praxis und das Angebot an sinnvollen Vorbeugemaßnahmen und einer leitliniengerechten Behandlung ist die Basis, aber eben nur die Basis jeder hausärztlichen Betreuung.

Denn letztendlich müssen alle wissenschaftlichen Studienergebnisse und Leitlinien erst einmal in die individuelle Lebenswirklichkeit übersetzt werden. Dazu muss man nicht nur Laborwerte, Blutdruck und andere Messwerte eines Patienten im Blick haben, sondern auch die gesamte Lebenssituation. Es gilt dabei, nicht nur Belastungen, sondern auch persönliche Ressourcen und Stärken zu erkennen. Gerade in der hoch technisierten Medizin wird immer über Risikofaktoren gesprochen und schnell vergessen, wie wichtig gerade das Wissen über gesundheitsfördernde Ressourcen ist.

Anstelle von hausärztlicher Beratung kann hier vielleicht eher von hausärztlicher Begleitung gesprochen werden. Die passiven Tätigkeiten wie Begleiten, Hinhören, Abwarten, Vermitteln sind wichtige Tugenden in der Allgemeinmedizin und wahrscheinlich die Fähigkeiten, die am schwierigsten zu erlernen sind. Zumindest gibt es dafür keinen Kurs und keine Bedienungsanleitung. Manche Patienten begleiten wir nur für, ein paar Tage, andere über Jahre intensiv bei schweren chronischen Erkrankungen. Hausarzt sein, das heißt begleiten.

Begleitung bedeutet, dass sich zwischen Patient und Arzt ein Verhältnis auf Augenhöhe entwickelt. Begleitung bedeutet immer auch Respekt vor unterschiedlichen Lebensentwürfen und der Achtung vor Bewältigung schwieriger Lebenssituationen. Ich erinnere mich an einen früheren Chef, einem mittlerweile emeritierten Professor für Allgemeinmedizin, der zu seinen Patienten sagte, dass er auch bereit sei, sie auf einem Weg zu begleiten, zu dem er ihnen vielleicht nicht geraten hätte. Das heißt auch, dass die Hausärzte auf Wunsch des Patienten auch mal in die andere Richtung marschieren.

Hausarzt sein, das heißt, den unschätzbar wichtigen Zeitfaktor für sich und den Patienten wirksam werden zu lassen. Denn nur in der hausärztlichen Tätigkeit ergibt sich die in der Medizin einmalige Möglichkeit, nicht nur einzelne Patienten, sondern auch Familien über Generationen zu betreuen.

Hausarzt sein — das heißt, sich Zeit zu nehmen, damit ein Vertrauensverhältnis wachsen kann. So ist es möglich, angemessen zu reagieren — loszulassen oder anzunehmen, abzuwarten oder Chancen zu ergreifen, die sich bieten. Hausarzt zu sein, das heißt nie auszulernen. Zum einen ist es unerlässlich, am Fortschritt der wissenschaftlichen Medizin teilzuhaben, bereits Gelerntes zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen, zum anderen aber auch von überraschenden Krankheitsverläufen, Entwicklungen und Erfahrungen von und mit den Patienten zu lernen. Das bedeutet, sich auf Veränderungen einzulassen und einfach nie stehen zu bleiben. Als Hausarzt lernt man, Respekt zu haben vor den Selbstheilungskräften, der Zähigkeit der menschlichen Natur, den Fähigkeiten von Patienten, auch in widrigen und schwierigen Lebenssituationen Lebensfreude zu empfinden.

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Hausarzt zu sein, das heißt, nicht nur die Krankheit, sondern auch die Gesundheit im Auge zu behalten. Wahrscheinlich sprechen wir sogenannten Profis im Medizinsektor viel zu wenig von der Gesundheit. Dabei ist das der schönste Teil unserer Tätigkeit.

Da ist die wichtige Aufgabe der Gesundheitsförderung und Vorbeugung, aber auch die gemeinsame Freude mit dem Patienten, wenn es nach einer Krankheit oder schweren Krise wieder besser geht, wenn bei einer chronischen Erkrankung gemeinsam ein Weg gefunden wurde, um im Alltag besser zurechtzukommen.

Gesundheit ist Selbstbestimmung, Gesundheit ist dort möglich, wo der Patient als Individuum respektiert wird und wo auch bei chronischen Krankheiten der Patient im übertragenen Sinn im Führersitz Platz nimmt. So gesehen können wir auch dort noch gesundes Leben sehen, wo sich das Leben seinem Ende nähert.

Für ein gesundes Leben ist oft der Sportverein, die Gesangsgruppe, die freundliche Nachbarin oder der hilfsbereite Kollege wichtiger als der Arzt. Der Hausarzt kennt im besten Fall nicht nur die gesundheitlichen Risiken, sondern auch die Ressourcen des Patienten, die Hobbys, die Unterstützung durch Familie, Freunde, Nachbarschaft, die Arbeitsstelle, aber auch Faktoren wie Bewegungsfreude, Humor, Kreativität und kann diese entsprechend als Teil des gesunden Lebens würdigen.